Industrie

Schnell, wenn wir es wollen

Zählen wir einfach herunter: neun, acht, sieben, sechs, ... Fakt ist, dass die nächsten Jahre entscheidend sind. Im Grunde wissen es alle: Schwenken wir jetzt nicht schnell und konsequent auf den 1,5-Grad-Pfad zur Begrenzung der Erderhitzung und erreichen wir nicht bis 2030 eine Reduktion der jährlichen Treibhausgasemissionen um mehr als die Hälfte, wird es auch mit dem großen Ziel der Klimaneutralität nichts. Das ist weltweit wissenschaftlicher Konsens.

Die immer verheerenderen Folgen für die Gesellschaften, Wirtschaften und Naturräume der Welt sind in der Gegenwart von Pandemie, Überschwemmungen, Waldbränden und Hitzerekorden für alle sichtbare Realität geworden. Für die Jüngeren und Nachfolgenden sind die Aussichten noch düsterer – kommende Kipppunkte nicht einmal eingerechnet. Und so ist es nur konsequent, dass das Bundesverfassungsgericht den Staat zum schnelleren und verbindlichen Klimaschutz drängt – nichts weniger als die Freiheit ist bedroht.
Die Ziele sind also gesetzlich verschärft, bis 2045 will Deutschland klimaneutral wirtschaften, in Glasgow hat sich auch die Weltgemeinschaft zur Klimaneutralität verpflichtet.

Die neue Bundesregierung hat ein ambitioniertes Programm für den Klimaschutz aufgelegt. Energiewirtschaft und Industrie haben darin die größten Reduktionsaufgaben – und auch die besten Chancen, weil sie unmittelbar verbunden sind. Eine klimaneutrale Industrie ist ohne stark ausgebaute, erneuerbare Energie nicht möglich, diese nicht ohne ressourcenschonende Industrieprodukte.

Die Aussichten sind also gut, dass dieser Wandel zu schaffen ist. Immerhin stehen in den nächsten zehn Jahren ohnehin für viele Anlagen Neuinvestitionen an – und „stranded assets“ will niemand. Die Pandemie hat gezeigt, dass Lösungen auf einmal auch schnell finanzierbar sind. Und das Bewusstsein für die Notwendigkeit des schnellen Wandels ist bei den Entscheider*innen da – jetzt gilt es, die Gesellschaft mitzunehmen.

Weil das Zeitfenster so eng ist, ist die Gleichzeitigkeit der Veränderungen die größte Schwierigkeit. Quasi simultan müssen sich viele Bereiche entwickeln – auch die, wo Industrieprodukte angewendet werden, bei Mobilität, Gebäuden und Ernährung. Klimaneutrale, ökodesignte, ressourceneffiziente, kreislauffähige Produkte und Dienstleistungen sind die Bedingungen auch für diese Wenden.

Dieses factory-Magazin will zeigen, dass die Industriewende trotz ihrer Größe machbar ist – und die Voraussetzungen dafür besser sind als je zuvor.

Wenn er gesellschaftlich gewollt ist, ist selbst ein schneller Wandel möglich, mit Blick auf die industriellen Revolutionen durch den Soziologen Andres Friedrichsmeier. Stefan Lechtenböhmer zählt als Experte für industrielle Transformation im Interview auf, warum die Bedingungen gerade für Deutschland so gut sind. Wie sich diese politisch gestalten lassen, auch international, fassen Anna Leipprand und Katharina Knoop zusammen.

Begonnen hat bereits der industrielle Mittelstand: Mit welchen Maßnahmen hier die Circular Economy vorankommt, darüber berichtet Henning Wilts aus einem branchenübergreifenden Praxisprojekt. Peter Jahns, Leiter der Effizienz-Agentur NRW, zeigt, wie die Ressourceneffizienz 4.0 Unternehmen auf den Pfad zur Klimaneutralität führen kann. Und Christina Schulzki-Haddouti beschreibt, was KMU mit künstlicher Intelligenz für den Ressourcenschutz bisher erreichen.

Dass das Ende der fossil-basierten Energiewirtschaft und Industrie nicht das Aus für ihre Standorte bedeuten muss, sondern auch zur kulturellen und technischen Erneuerung führen kann, macht Timon Wehnert an mehreren Beispielen deutlich.

Und so sind wir uns eigentlich sicher, dass dieses „Industrie-Magazin“ seine Leser*innen inspiriert und Mut macht, den industriellen Wandel anzugehen und zu begleiten. Denn selbst als machtvolle und schwere Größe ist die Industrie nur so schwerfällig, wie unsere Gesellschaft es zulässt.

Ralf Bindel und das Team der factory

Magazin als PDF

News zum Thema